Back in the Forest



Noch bevor wir uns wirklich von den Erlebnissen der U-Bahnstationen Lynch-Street und King-Street erholt hatten, waren wir ein weiteres Mal durch das Loch in unserer Kammer gekrochen und bereuten es natürlich auch recht bald...

Wir fanden uns auf dem Friedhof in den Wäldern von Silent Hill wieder, der noch immer den gewohnt verlassenen Eindruck machte. Langsam schritten wir an den Gräbern vorbei, bis Eileen vor einem derselben unaufgefordert Halt machte und uns eröffnete, dass sie im Gegensatz zu uns keine komplette Analphabetin war. Natürlich schenkten wir so einer dreisten Behauptung ohne Beweise keinen Glauben und so begann sie, das rote Graffiti, das noch immer niemand von den Grabsteinen entfernt hatte, vorzulesen.

Das Gekritzel entpuppte sich bereits nach den ersten 3 Worten als Tagebuch irgendeines kleinen Kiddies, das sich offensichtlich kein Papier leisten konnte, und so war die Grenze meiner Aufmerksamkeitsspanne recht schnell überschritten. Gelangweilt ließ ich meinen Blick erneut über die verlassenen Gräber schweifen und war drauf und dran, ob Eileens beruhigend sinnfreiem Geblubber im Stehen einzuschlafen.

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Wir blieben dicht bei Eileen, die zwar als einzige eine Schule besucht zu haben schien, aber im Gegenzug dazu ekelhaft kurzsichtig sein musste, denn als sie uns die Schriftzüge vorlas, musste sie ihre Nase fast an den Steinen platt drücken, um die Buchstaben darauf überhaupt als solche zu erkennen.

Hier hatte tatsächlich jemand - wohl ein Kind - seine Erlebnisse auf makabere Weise an jedem freien Platz hinterlassen. Seine Notizen weckten die Erinnerungen an das Wassergefängnis und ich schauderte unwillkürlich, als mir der höchst konzentriert in die Ferne gerichtete Blick meines Bruders auffiel. Hatte er irgendetwas bemerkt?

Milde alarmiert sah auch ich mich nun ein weiteres Mal um, konnte allerdings im ersten Moment nichts Besonderes ausmachen.

Abgesehen von ein bisschen Ungeziefer das sich im offenen Grab Walters eingenistet hatte, hatte sich auf den ersten Blick seit unserem letzten Besuch hier nichts verändert… außer vielleicht dem Hippie mit dem Stahlrohr in der Hand, der plötzlich an mir vorbeiwetzte und mich fast zu Boden riss, was jede vernünftige Formulierung einer Warnung zunichte machte. Man hätte zwar davon ausgehen können, dass mein Aufschrei dennoch warnend genug klang, aber es waren dennoch nur Sekundenruchteile, die zwischen diesem und einem Metall@Holz-Laut dicht gefolgt von einem abgehackten Schmerzenslaut seitens Aya vergingen.

Das war vielleicht nicht der beste Weg, in einen Kampf einzusteigen, aber nachdem das Überraschungsmoment-Handicap erst einmal überwunden und unsere Waffen gezogen waren, ließ sich unser kleiner Amokläufer überraschend schnell unter Kontrolle bringen. Irgendwann gegen Ende des Kampfes realisierte sogar Eileen, dass wir ihr nicht mehr zuhören und unterstützte uns nach Kräften mit ihrer Reitgerte (auch wenn ihre Nahkampfkünste nach wie vor ein wenig zweifelhaft waren).

Seltsamer Weise hielt der Mantelfatzke trotz unter dem Einfluss von Gerte, Axt und Baseballschläger rasch eintretender Bewusstlosigkeit nicht sonderlich viel vom Sterben und lag somit nur ziemlich wehrlos am Boden – Das war die ideale Gelegenheit um endlich ein bisschen Frust abzulassen und wir ließen erst nach einer ganzen Weile von dem blutigen Brei im Mantel ab, um uns wieder zu sammeln.

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Obwohl die Überreste vom Langhaarmensch schon eine halbe Ewigkeit bevor wir aufhörten, auf ihn einzuprügeln, nicht mehr bluteten, war ich immer noch davon überzeugt, dass der irgendwann wieder den nötigen Elan sammeln würde, um noch einmal aufzustehen, und so suchten wir den restlichen Friedhof eher hastig ab. Es dauerte schließlich auch lange genug, Eileen vor jedem Grabstein am Nacken zu packen und ihre Nase direkt auf das Graffiti zu pressen, damit sie die Gedankenkotze dieses ehemals kleinen Jungen immer wieder unerwartet gierig auflecken konnte. (ganz zu schweigen von den Nerven, die diese Frau mit der Zeit kostete)

Als wir die Lektüre endlich brav hinter uns gebracht und die Motten, die es nicht länger in Walters Grab aushielten, als wir daran vorbeigingen, in den Boden gestampft hatten, sammelten wir noch eine Fackel auf, die Fraise nahe der Tür an der einzigen Lichtquelle lehnend fand, und verließen endlich den Friedhof.

Kaum das wir durch die Tür getreten waren und diese aus den Augen ließen, protestierte eben diese ein zweites Mal mit einem lauten Quietschen, als noch jemand hindurch schritt.

Niemand von uns erwartete einen freundlichen Überraschungsgast und dementsprechend wenig Zeit verging dieses Mal, bis Walter, in sein gewohnt ungewöhnliches Schweigen gehüllt, erneut zu Boden sackte. Die Lust, noch mehr Energie dafür zu verschwenden, den leblosen Coatman noch einmal ins Koma zu knüppeln hielt sich in Grenzen, weshalb wir das kleine Waldstück trotz der hinter uns her schneckenden Eileen sehr schnell auf Nützliches absuchten – wobei wir wiederum nicht umhin konnten, einen Brunnen, der uns schon beim ersten Besuch ins Auge gefallen war, zu bemerken. Dieser war mit definitiv zuviel Dunkelheit abgefüllt, als dass man seinen Boden hätte erkennen können.

Ich dachte mir meinen Teil dazu und wir ließen Eileen bei Walter zurück, indem wir das Waldstück durch ein Loch in der Wand wieder verließen, um uns im Apartment wieder zu erholen und Gedanken sowie Gegenstände zu ordnen.

 

4.6.07 22:11, kommentieren

Prolog

 

Schon als ich erwachte, war mir klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Luft war unglaublich schwer und es muss wohl die ungewöhnliche Wärme in meinem Schlafzimmer gewesen sein, die mich geweckt hatte. Wie immer dauerte es einige Sekunden, bis ich wirklich klar sehen und mich selbst als endgültig wach akzeptieren konnte, doch was sich sah, kaum dass ich den Blick hob, ließ mich weniger an meinem Wachzustand als eher an meinem Verstand zweifeln.

Der gesamte Raum war über und über mit Rost und Blut bedeckt, nicht nur die Möbel, auch die Fenster meines Schlafzimmers waren mit einer dicken, rötlich-braunen Kruste dekoriert worden, sodass kein Lichtstrahl von Außen eine Chance hatte, das Zimmer zu erhellen. Einzig das schwache künstliche Licht im Raum machte das wenig ästhetische Zeug erkennbar und warf dafür umso dunklere Schatten, wo es nur ging.

Kaum dass ich mich erhob, ließ mich ein rauer, gepeinigter Schrei heftig zusammenfahren. Ich konnte die abgehackte Männerstimme nicht orten, doch der Laut ermunterte mich nicht sonderlich, die Tür in den Flur zu öffnen und es kostete einiges an Überwindung, schließlich doch das Schlafzimmer zu verlassen, nur um kurz darauf die fest verschlossene, ebenfalls stark mit Blut verschmierte Tür des Badezimmers zu erblicken. Ich versuchte gar nicht erst, sie zu öffnen und trat stattdessen aus dem schmalen Flur in den Wohnraum des Apartments.

Abgesehen von der dicken Schicht aus dunklem Dreck, die auch hier nahezu jeden Zentimeter bedeckte und den Blick durch die Fenster komplett untersagte, hatte sich noch so einiges hier verändert. Die gesamte Einrichtung ähnelte der meinen zwar auf den ersten Blick, doch schon ein Fernseher, der nun anstelle meines Plattenspielers auf einem kleinen Tisch neben meiner Sitzbank stand und ein penetrantes, statisches Rauschen von sich gab, ließ alles komplett anders wirken. Im nebenstehenden Regal fand ich nicht nur eine ganze Reihe an Schundromanen, die zu besitzen ich mich beim besten Willen nicht erinnern konnte, sondern wurde auch von einem mir unbekannten Gerät besetzt, das ich gar nicht genauer betrachten wollte.

Somit wandte ich mich um und ließ meinen Blick langsam, ungläubig durch den Rest des Apartments schweifen, nur um Fotos von mir unbekannten Personen zu entdecken, deren Anblick mich nicht weniger beunruhigte als die dunkle Verschmutzung der Wände und Möbel. Es dauerte nicht lange, bis mein Blick an einem dunkelgrauen Fleck an der Wand hängen blieb. Das unebene Material an dieser Stelle war mir schon oft aufgefallen, doch die erschreckende Ähnlichkeit, die eine der Verputzwulste mit einem menschlichen Gesicht hatte, war mir zuvor nie derartig bewusst gewesen. Als ich ein leises Knacken hinter eben dieser Fratze vernahm, beschloss ich spontan, das Apartment schnellstmöglich zu verlassen. Kaum hatte ich jedoch die schmale Theke, die die Küche vom restlichen Bereich des Wohnraums abtrennte, hinter mir gelassen, ertönte ein tiefes Ächzen aus Richtung der Wand und die mir angeborene Neugier zwang mich zu einem Blick über die Schulter.

Ein menschlich anmutender Körper, unbestreitbar die Quelle des nun anhaltenden und leicht obszön anmutenden Stöhnens, war dabei sich langsam aus meiner Wand zu quälen und meine Beine versagten den Dienst, als es vor mir zu Boden fiel. Angesichts der ungeübt scheinenden und bisweilen doch ziemlich spastischen Bewegungen der Kreatur, hatte sie sich erstaunlich schnell wieder aufgerichtet und streckte ihre Hand nach mir aus, offensichtlich von dem tief sitzenden Drang beseelt, mich zu erreichen.

Die halb verwesten, von einer dunklen Substanz, über deren Zusammensetzung ich nun wirklich nicht genauer nachdenken wollte, überzogenen Finger des sichtlich leidenden Wesens waren nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt, als meine Sicht verschwamm. Ein dunkler Schleier legte sich über meine gesamte Wahrnehmung, nachdem ich in das Gesicht der Kreatur blickte und als meine Sicht gänzlich erlosch, als wolle sie mich vor dem Anblick schützen, hatte sich bereits eine durchdringende Taubheit in mir ausgebreitet…

~ ~ ~


Nahezu gleichzeitig erwachten wir in unserem Bett. Ein Blick und wenige Worte genügten, um uns klar zu machen, dass wir wieder einmal beide den gleichen Traum durchgemacht hatten. In den letzten fünf Tagen war dies keine Seltenheit, oft schon hatten wir in dieser Zeit sehr seltsame und meist komplett übereinstimmende Träume gehabt, die sich jedes Mal um unser Apartment in South Ashfield Heighs drehten, welches wir vor kurzem bezogen hatten.

Bedenklicher war allerdings die Tatsache, dass wir seit Beginn dieser Träume komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren. Ein Blick aus dem Fenster zeigte uns jeden Tag das gleiche: Dass die Welt um uns herum sich in gewohnter Weise weiter zu drehen schien, doch in den Wänden des Apartments 303 herrschte seither keine Veränderung. Der Fernseher funktionierte nicht mehr, das Radio gab zwar hin und wieder die Wiederholungen einiger Nachrichten von sich, doch meist war ein statisches Rauschen die einzige Belohnung für das Anschalten des Gerätes; selbst unsere Uhr musste irgendwann unbemerkt stehen geblieben sein, was keine große Hilfe war, denn ob des derzeit ständig Wolken verhangenen Himmels in South Ashfield war es nahezu unmöglich, auch nur eine ungefähre Tageszeit auszumachen.

Das alles wäre eigentlich noch immer halb so schlimm gewesen, wären wir nur in der Lage gewesen, Raum 303 zu verlassen.

Als wir nach dem ersten gemeinsamen Albtraum in diesem Apartment erwachten, durften wir unsere Wohnungstür fest verschlossen vorfinden. Jemand hatte von Innen unzählige Ketten angebracht, die es uns absolut unmöglich machten, hinaus zu gehen. Geduldiges, stundenlanges Klopfen schienen wie jeder Hilferuf nicht nach Außen zu dringen und niemand, der an unserer Tür vorbeiging, schien auch nur zu erahnen, dass hier etwas nicht stimmen könnte.

Als letztlich auch noch irgendein Depp meinte, uns in Form von blutrotem Graffiti auf der Innenseite der Tür das Verlassen des Apartments verbieten zu müssen, ('Don’t go out! Walter') ging das ganze Theater richtig los…

An jenem Tag fanden wir ein seltsames Loch in der Wand unseres Badezimmers und beschlossen kurzerhand, den netten Hinweis Walters zu ignorieren auf diesem Wege das Apartment zu verlassen. Das Problem war nur, dass wir uns nach einer wenig bequemen Reise durch den engen Gang des Lochs zwar nicht mehr in unserer Bude wieder fanden, sondern in einer, wie sich später herausstellte, alternativen Realität, vielleicht besser als parallele Dimension zu beschreiben…

 

27.4.07 03:46, kommentieren

Hänsel und Gretel verliefen sich im Web...

 

Mit dem Prolog zu Silent Hill 4 – The Room ist der HuG – Reloaded Blog nun also endgültig eröffnet.

Da das HuG-Projekt eine ziemlich spontane Idee hatte, wir es uns aber nicht verkneifen konnten, diese direkt umzusetzen, anstatt bei dem nächsten gemeinsam zu zockenden Game einzusteigen, werdet ihr jetzt mehr oder weniger einfach von uns mitten in den Spielverlauf gerissen.

Zwar hatten wir das dringende Bedürfnis, zumindest den Beginn des Spiels noch einmal ausführlich festzuhalten, aber es wäre ein unmenschlicher Aufwand an Zeit, die bei uns leider permanente Mangelware ist, und Nerven, jeden weiteren Schritt bis zum jetzigen Zeitpunkt noch einmal zu rekonstruieren. Daher werden wir beim nächsten Eintrag einfach in die aktuelle Spielsituation einsteigen und, wenn nötig, Geschehenes nur noch einmal kurz zusammenfassen und einfach hoffen, dass der Storyverlauf auf diese Art auch Leuten, die SH4 nicht gezockt haben, zumindest halbwegs verständlich ist/bleibt.

Vielleicht ist es ja für den ein oder anderen nicht nur pure Zeitverschwendung, sich ein bisschen mit unseren Erlebnissen auseinander zu setzen, auch wenn das Projekt eigentlich eher eine private Sammlung gemeinsamer Erinnerungen ist.

Über Feedback, auch in Form von konstruktiver Kritik, freuen wir uns natürlich immer.

 

27.4.07 03:42, kommentieren